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LEBEN RELOADED

Alles fing damit an, dass ich im letzten Jahr auf einmal zugenommen hatte. Nicht nur ›un peu‹, sondern doch viel mehr als mir lieb war – und vor allem mehr, als ich es auf meine neue sitzende Tätigkeit als Lektorin hätte schieben können.

So ging ich also zu meiner Hausärztin, die eine, wie sie es nannte ›Spezial-Blutuntersuchung‹ veranlasste. »Es ist alles in Ordnung«, verkündete sie, nachdem das Ergebnis vorlag. Allerdings fügte sie noch ein kleines Sätzchen hinzu, das mich aufhorchen ließ: »Alles, was mit Hormonen zu tun hat, ist nicht mein Fachgebiet.«

Also ließ ich mich zu einem Fachmann, einem Endokrinologen überweisen. Da wir hier im Ruhrgebiet nur einen weit und breit haben, dauerte es sechs Monate, bis ich einen Termin bekam.

Der Arzt, ein Professor von Anfang 80, der aus der Rente zurückgekommen war, entpuppte sich 1. als Gentleman alter Schule und 2. als Fachmann. Da er mich wohl irgendwie mochte, meinte er: »Ich mache jetzt hier mal überall ein Häkchen dran und wir untersuchen alles, was es gibt.«

Eine Woche später waren dann die Ergebnisse da, wobei lediglich der sehr hohe Prolaktinspiegel auffällig war. Prolaktin ist für die Produktion der Muttermilch zuständig und steht damit zurzeit so gar nicht auf meiner Agenda. Die Vermutung lag nahe, dass ich evtl. einen Tumor an der Hirnanhangdrüse hatte, also wurde ich ins MRT überwiesen.

Diese Art Tumor hatte ich dann zwar nicht (der wäre zwar durch die Nase leichter zu entfernen gewesen, hätte aber bösartig sein können), aber der Arzt fragte mich: »Sie können schlecht oder auch gar nicht riechen, stimmt’s?«

»Ja, richtig«, meinte ich, ohne mir etwas dabei zu denken, mein Vater konnte auch nichts riechen.

»Sie haben ein Meningeom auf dem Riechnerv sitzen«, knallte er mir dann ohne Vorwarnung um die Ohren.

»Was ist das bitte?«

»Ein Tumor.«

Ich dachte, der Boden unter meinen Füßen würde wegkippen

»Und nun?«, fragte ich. Keine Antwort, also noch ein Versuch: »Was kann ich denn jetzt tun?«

»Öh, tja, Sie könnten mal zu einem Neurochirurgen gehen.«

»Können Sie mir einen empfehlen?«

»Nein!«

 

Mit dieser niederschmetternden Diagnose fuhr ich dann also nachhause, um dort zuerst einmal zu googeln, was überhaupt mit mir los war.

Was würde z.B. ein älterer Mensch machen, der nicht firm in Sachen Internet ist? Ich hätte dem Arzt allzugerne …

Nun, zumindest fand ich heraus, dass Meningeome so gut wie immer gutartig sind, das war ja schonmal was. Und so machte ich zwei Termine: Zuerst ging ich in ein Zentrum für Strahlentherapie. Die Ärztin war supernett, die Nebenwirkungen dieser Therapie, die ich hier gar nicht alle aufzählen möchte, jedoch eher weniger. Und so entschied ich mich dagegen – zum Glück, wie sich später noch herausstellen sollte.

Einen Tag später saß ich dann einem sehr kompetenten und sympathischen Neurochirurgen gegenüber, der die Operation in zwei kurzen Sätzen erklärt hatte, gefolgt von der Frage: »Wollen Sie direkt nächste Woche zu mir kommen?«

Als Freundin schneller Entschlüsse meinte ich: »Na klar, ich sage direkt die Leipziger Buchmesse ab und komme dann zu Ihnen.«

»Buchmesse?«, unterbrach er mich. »Nee, nee, da fahren Sie mal schön hin und wir operieren Sie anschließend.«

Gesagt, getan – und ich hatte dann auch tatsächlich drei wunderschöne Messetage mit lieben Kollegen, die mich ein wenig von meinem Kummer abgelenkt haben:

 

Elke

Mit Diana Salow und Elke Bergsma am Stand der ›Lieblingsautoren‹

 

BC-Schiller

Mit Barbara Schiller, dem weiblichen Part des Krimi-Ehepaars ›BC Schiller‹

 

Am Montag danach ging ich morgens in die Klinik und wurde am Dienstagmorgen operiert. In der darauffolgenden Nacht weckte mich dann der Narkosearzt, der bei mir geblieben war, mit den Worten: »Telefon für Sie.« Ich konnte ohne Probleme sprechen, und die anschließend durchgeführten Tests ergaben: Alles war tutti.

 

Doch was dann folgte, war schlimmer als erwartet. »Der Kopf wird Ihnen eine Woche nach gar nichts stehen«, hatte der Neurochirurg mich vorgewarnt – das war jedoch eine Untertreibung gewesen. Schmerzen hatte ich keine, man wird ja heutzutage Gottlob in eine Schmerzmittel-Wolke gepackt. Aber ich war, gelinde gesagt, einfach fertig. Als ich dann endlich wieder aufstehen konnte, bin ich zwei Tage lang am Rollator gegangen – oder besser gesagt: ich habe mich durch die Gegend geschleppt – und fühlte mich wie 90. Doch zum Glück bestätigte sich dann, dass mein Tumor tatsächlich gutartig gewesen ist – wenn ich auch aussah wie dem Film ›Die Mumie‹ entsprungen unter all den Verbänden und einem zugeschwollenen rechten Auge.

Meine Bettnachbarin hatte da etwas weniger Glück: ihre Geschwulste in der Mundhöhle waren bösartig, und sie hatte versucht, diese mittels Bestrahlung in den Griff zu bekommen, wodurch das Gewebe nekrotisch geworden war. Ganz abgesehen davon, dass sie nur noch Flüssigkost zu sich nehmen durfte, musste sie auch eine ganze Reihe von Operationen über sich ergehen lassen. Ich bin kein Arzt, kann und darf hier keine medizinisch fundierten Ratschläge geben, aber alles, was ich über Bestrahlungen gehört habe in dieser Zeit, konnte mich nicht überzeugen.

 

Und während ich noch über das Thema ›Leben und Tod‹ nachdachte, erreichte mich die Nachricht, dass mein heißgeliebter Hund Amaretto eingeschläfert werden musste. Zwei Wirbel waren kaputt und das Herz vergrößert, selbst wenn er eine OP überlebt hätte, so hätte er immer Schmerzen gehabt. Leiden sollte er nicht, das hatte ich mir immer vorgenommen, er war ja schon länger krank. Da bei mir ein Stück Kunsthaut auf die Hirnhaut aufgebracht worden war, durfte ich nicht weinen. Das habe ich dann, als ich wieder zuhause war, gründlich nachgeholt.

 

Doch ich durfte auch eine Welle der Hilfsbereitschaft erleben, sei es von Freunden oder auch FB-Bekanntschaften, die ich noch nie »im wahren Leben« gesehen habe: »Brauchst du etwas, kann ich für dich einkaufen gehen, soll ich mit Brandy Gassi gehen?« Ich war sehr gerührt und zutiefst dankbar. Freundschaft ist ein Wert, der mir heilig ist, heute noch mehr als früher schon!

 

An dieser Stelle ein gaaaanz dickes Dankeschön an alle, die mir beigestanden haben!!!

 

So langsam ging es dann bergauf, und als ich dann endlich wieder die Haare waschen durfte (heutzutage wird zum Glück nur noch ein ganz schmaler Streifen bei Tumor-Operationen am Kopf wegrasiert), fühlte ich mich auch wieder wie ein Mensch. Auf eine REHA-Maßnahme habe ich dann jedoch verzichtet, denn zum einen wäre ich in eine Klinik gekommen, die direkt an der Autobahn in Essen gelegen ist, vor allem aber wäre das Thema mit den Tischnachbarn bei allen Mahlzeiten ›Krankheiten‹ gewesen – und davon hatte ich 12 Tage lang wirklich genug gesehen und gehört.

Stattdessen habe ich mir zwei Wochen Erholung pur in Dänemark gegönnt (s. Foto ganz oben).

 

Ging ich wie gewohnt in mein altes Leben zurück?

Ja, mehr oder weniger.

Hat sich meine Sicht aufs Leben geändert?

Definitiv auch ja. Ich rege mich nicht mehr über die Dinge auf, die ich eh nicht ändern kann. Bei anderen Sachen indes bin ich sehr empfindlich geworden. FB-Posts à la »Habe Männerschnupfen – möchte getröstet werden« … naja, so etwas kommt zurzeit nicht so gut bei mir an.

Superempfindlich bin ich auf Neid, Intrigen und Missgunst. Ganz besonders die zurzeit so sehr beliebten Hass-Rezensionen auf Amazon, von denen ich auch eine einkassieren musste, machen mich sehr traurig. In meinem Fall hat diejenige sich extrem viel Mühe gegeben: Zuerst mit drei Sternen eingestellt, womit man hätte leben können, wurde sie dann auf einen Stern heruntergesetzt und der Text insgesamt noch dreimal umgeschrieben. Jedes Mal natürlich schlimmer – wenn es Minus-Sterne gäbe, ich hätte welche bekommen von ihr.

Dazu möchte ich an dieser Stelle sagen: Hey Leute, schreibt doch einfach selber mal ein Buch, dann wisst ihr auch, wie viel Arbeit dahintersteckt. Und wenn ihr schon eins geschrieben habt und es läuft nicht so gut: es wird nicht besser, wenn man Kollegen auf Amazon schlecht macht.

Übrigens: Ob man sich nun Falter, Schmetterling oder Pusemuckel auf Amazon nennt – am Ende des Tages kommt immer heraus, wer dahintersteckt – und wenn derjenige sich sonst als ach so esoterisch und ›welten-rettend‹ präsentiert, ist das ganz besonders ekelhaft.

 

Aber kommen wir nochmal auf erfreulicheres sprich tierische Themen zurück. Da meine Hündin Brandy so traurig ob des Verlustes ihres Kumpels war, kam dann ein neuer vierbeiniger Freund zu mir: Max, ein total lieber, wenn auch etwas scheuer Mischling aus Griechenland.

 

Val & Max

Bad hair days lässt man am besten unter ›Leih-Haaren‹ verschwinden.

 

Max-Juni

Nein, liebes Frauchen, ich habe die Spielzeugkiste nicht umgekippt!

 

So schlimm all diese Erlebnisse auch waren, meinem aktuellen Buch haben sie sehr gut getan, denn die Hauptdarstellerin Manu muss ebenfalls ein Meningeom durchleiden, was der Geschichte eine etwas ernstere, aber so auch lebensechte Wendung gibt.

Abschließend kann ich jedem nur raten: Sucht euch einen guten Arzt, der die passende Behandlungsmethode anbietet. Sagt euer Bauchgefühl ›Das ist es nicht‹, sucht euch einen anderen bzw. holt euch eine zweite, dritte oder sogar vierte Meinung ein. Die Überweisung des Endokrinologen zum Neurochirurgen kam übrigens bei mir an, als ich alles bereits schon hinter mir hatte – na servus!

Und nicht zu vergessen: Google ist ein verlässliches Medium, um seinen Symptomen auf den Grund zu gehen, nutzen wir es!

Vor allem aber: Genießt Euer Leben. Trefft Euch mit Freunden, unternehmt etwas zusammen, macht schöne Reisen.

Dieser ›Kalenderspruch‹ fasst es besser zusammen, als ich es kann:

 

Fuck

 

 

Mittlerweile kann ich auch die Frage beantworten, wo der Tumor ›herkam‹: von einem Medikament, das ich jahrelang geschluckt hatte. Da dieses für mich leider unverzichtbar ist, mussten meine Frauenärztin und ich eine ungefährliche Alternative (sprich: ohne Nebenwirkungen) finden – von dieser spannenden Suche sowie einigen Methoden, ein paar Pfündchen zu verlieren, berichte ich dann beim nächsten Mal.

 

Lila-Blüten

 

 

 

 

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